Nach einer Woche zu Hause, in der ich viel recherchiert und geplant hatte, war ich bereit für ein neues Abenteuer. Ich war motiviert, wieder loszuziehen, um neue Orte und Menschen kennenzulernen.
Ich traf mich an einem Montagmittag mit Fiona, einer Freundin, die auch bei der ReiseUni ist. Unsere Idee war es, ein wenig zu trampen. Frei nach dem Motto: „Der Weg ist das Ziel.“ Wir hatten uns für jeden Tag ein Ziel gesetzt und einen Ort ausgeguckt, an dem wir übernachten wollten.

Los ging es also von Bielefeld in Richtung Kassel.
Wir waren beide nicht so tramp-erfahren, sodass es uns auch viel darum ging, gute Trampstellen (Orte zum loskommen) zu finden und das alles koordiniert zu bekommen.
An jenem Montag brauchten wir ungefähr 4 ½ Stunden, um die Strecke mithilfe von 8 verschiedenen Autos zu bewältigen. Google Maps gibt für die Strecke eine Fahrzeit von 1 ½ Stunden aus. Trotzdem war ich ziemlich zufrieden, als wir in Kassel waren.

Wir hätten uns zwar ein paar Mal cleverer anstellen können, wie ich jetzt im nachhinein sagen kann, aber genau deswegen waren wir ja unterwegs – um Fehler machen zu dürfen und anschließend aus ihnen zu lernen.
Vor Allem brauchten wir viel Zeit aus der Innenstadt Bielefelds herauszukommen.

Bis wir erst mal auf der A33 waren… das brauchte so seine Zeit. Langweilig war es aber trotzdem nicht, da wir uns viel zu erzählen hatten und zwischenzeitlich auch unsere kleine Disco am Straßenrand eröffneten.
In Kassel liefen wir dann auch noch ein ganzes Stück durch die Stadt. Wir schliefen in der Nacht in einer befreundeten WG. Dort angekommen war ich ziemlich fertig und konnte erst mal keine neuen Informationen aufnehmen und verarbeiten.

Dann in einer WG mit 8 anderen, mir größtenteils unbekannten Leuten zu sein und dort zu essen, kostete mich zusätzlich Kraft. Das fand ich sehr schade, da ich mich eigentlich sehr gerne auf das neue Umfeld eingelassen hätte. Ich war froh, als ich schlafen und mich ausruhen konnte.

Denn auch für den nächsten Tag hatten wir engagierte Pläne. Ungefähr gegen Mittag brachen wir auf, um zur Kommune Lebensbogen an den Helfensteinen zu gelangen.

Eine ältere Dame nahm uns mit. Sie erzählte uns gleich zu Beginn, dass ihr Mann gerade auf die Intensivstation gebracht worden war und sie sich jetzt ablenken wolle. Sie wollte durch ihre gute Tat, uns mitzunehmen, gutes Karma sammeln, damit es ihrem Mann bald besser gehen würde.

Bücherwand

Das ist einer der Dinge, die mich immer wieder am Trampen faszinieren. Ich lerne so verschiedene Menschen kennen, die oft die unterschiedlichsten Dinge machen und Geschichten zu erzählen haben. Die Geschichte der Frau stimmte mich nachdenklich, weil sie mir wieder Mal zeigte, wie gut es mir in dem Moment ging, aber wie schnell sich das auch ändern kann.

Meine einzige Sorge in diesem Moment war gewesen, wann wir im Lebensbogen ankommen würden. Im Grunde war völlig egal, ob in zwei, drei oder fünf Stunden. Diese Frau hatte in diesem Moment ganz andere Sorgen.

Sie brachte uns deutlich weiter und fuhr für uns einen großen Umweg, sodass wir an dem Tag nicht lange unterwegs waren und mehr Zeit im Lebensbogen verbringen konnten.

Wir blieben eine Nacht im Lebensbogen, was natürlich nicht reichte, um die Kommune mit allen Einzelheiten kennenzulernen, uns aber dennoch Gelegenheit verschaffte, ein wenig das Grundklima und die Abläufe zu verstehen. Wir konnten viele Fragen stellen, als wir uns nachmittags mit Jochen zusammensetzten. Auch am gemeinsamen Abendessen durften wir teilnehmen, sodass wir dort auch ein wenig die Dynamiken mitbekamen und auch andere Mitglieder der Kommune kennenlernten.

Mich interessiert immer ganz besonders, wie die verschiedenen Menschen in die Kommune gekommen sind und was in ihrem Leben dafür gesorgt hat, dass sie den „normalen“ Lebensstil aufgegeben haben, um in einer Kommune zu leben.
Fiona und ich diskutierten in unserer Zeit dort viel über Geld. Wir sollten beide 20€ für die Nacht dort bezahlen, was eigentlich nicht mit unseren Ideen von Tauschlogikfreiheit zusammenpasste. Wir aßen (fast) nur unser eigenes Essen, sodass uns die 20€ etwas viel vorkamen.
Letztlich unterstützen wir so ein Projekt aber auch gerne. Mir persönlich fällt es deutlich leichter an so einem Ort 20€ zu bezahlen, wo ich weiß, dass das Geld in guten Händen ist, als an einem anderen Ort, bei dem ich nicht wirklich weiß, wofür ich bezahle.

Mittwoch trampten wir Richtung Braunschweig. Zum Glück brachte uns jemand aus der Kommune zur Auffahrt von der A7, wo wir eine Weile standen, ehe Keko vorfuhr.
Keko hatte einen Autoanhänger hinter seinen Kombi, auf dem allerdings kein Auto war. Er nahm uns gerne mit und erzählte sehr bereitwillig und ausführlich. Er stammt aus dem Kosovo und ist schon seit 28 Jahren in Deutschland. Er hat 5 Kinder, die alle hier leben.
Sein Auto schaffte allerdings nicht mehr so viel, was dazu führte, dass wir teilweise mit 50 km/h und Warnblinklicht über den Standstreifen fuhren, während uns die LKW‘s reihenweise überholten. Ein skurriles Bild.
Etwaige Hügelchen waren für das Auto eine echte Herausforderung. Immerhin ging es nach jedem bergauf auch wieder bergab, wo wir dann auch schon mal die 100 km/h knackten.

Aber im Grunde ist so etwas egal. Beim Trampen kommt es für mich auf die Menschlichkeit dahinter an. Da ist ein Mensch, der uns helfen möchte. Dafür bin ich dankbar. Da ist mir auch egal, ob ich mit 200 km/h über auf der linken Spur in einem nagelneuen Audi fahre oder mit 50 auf dem Standstreifen in einer älteren Klapperkiste.

Anschließend war ich ein wenig genervt. Ich kann gar nicht sagen, woran das lag. Irgendwie konnte es mir in dem Moment nicht schnell genug gehen. Diese Einstellung ist für das Trampen natürlich nicht sonderlich hilfreich.
Ich nahm mir also eine kleine Pause und meditierte ein wenig an der Raststätte, an der Keko uns herausgelassen hatte. Die Absagen von vielen Fahrern, die in unsere Richtung fuhren, entnervten und frustrierten mich in diesem Moment.

Gerade da war es gut, dass wir zu zweit waren. Während ich an diesem Tag nicht so ausgeglichen war, konnte Fiona Leute ansprechen und auch in den Autos mehr für Konversation sorgen. So ergänzten wir uns insgesamt ganz gut und konnten uns unterstützen, wenn eine*r nicht mehr konnte.

Hand auf Reise

Doch schließlich fanden wir Uli, der uns ein ordentliches Stück mitnahm.

Insgesamt brauchten wir mithilfe von 4 Autos etwas über 4 Stunden bis nach Braunschweig (Google Maps braucht 2).
Entgegen meines Gefühles kamen wir also sehr gut durch und hatten dann in Braunschweig noch eine Menge Zeit, bevor wir zu unserem Host konnten. Diese nutzen wir, um ein wenig in der Stadtbibliothek zu entspannen und an unseren Themen weiterzuarbeiten.

Das ist für mich noch eine offene Frage: Inwiefern kann ich an meinen Themen weiterarbeiten, wenn ich unterwegs bin. Oft fehlt die Zeit, da wir auch immer viel organisieren müssen und dann natürlich auch Zeit mit den Leuten, bei denen wir sind, verbringen wollen.

Ich bin jedenfalls immer sehr froh, wenn ich die Zeit habe, meine Gedanken zu sortieren, in meine Notizen zu blicken und über Themen nachzudenken und zu schreiben, die mich in dem Moment interessieren.

Im Gegensatz zum Montag war ich am Mittwoch sehr viel entspannter und aufnahmebereiter, als wir abends zu unserem Host gingen. Dort entstanden noch einige interessante Gespräche, während wir ein Reis-Curry kochten.

Am Donnerstag ging es dann in den Lebensgarten Steyerberg, einen Ort, der mir gut bekannt ist. Eigentlich wollten wir von der A39 über die A2 fahren, doch dann trafen wir ein Paar aus Österreich, das nach Hamburg wollte, sodass wir ein Stückchen mit ihnen über die A7 trampten und dann über die B214 nach Nienburg zu gelangen.

An der B214 standen wir schon geschlagene 20 Minuten, als ein Auto vorbeifuhr und hielt. Zu unserer Überraschung und großer Freude saß Johannes drin, der auch in den Lebensgarten trampte. Marco, sein Fahrer, nahm uns auch gerne mit.

Es wurde bereits Mittag (am Donnerstag hatten wir es endlich mal frühzeitig geschafft, aufzubrechen), sodass wir im Auto zu dritt die Essenssituation evaluierten. Fiona und ich hatten noch Reis-Curry vom Vortag und Johannes vorgekochte Nudeln.

Johannes schlug vor, dass wir ja im nächsten Ort einfach so an Häusern klingeln könnten, um dort zu fragen, ob wir unser Essen warm machen konnten.

Marco kommentierte trocken, dass wir auch seine Mikrowelle nutzen könnten.

Wenig später saßen wir zu dritt bei Marco in der Küche und aßen unser Curry und die Nudeln. Eine echt coole Erfahrung, die zeigt, was alles möglich ist, wenn wir Menschen uns gegenseitig vertrauen und uns helfen. Er hat uns gleich zweimal einen Riesengefallen getan, aber dafür nichts tun müssen. Vielen Dank dir, Marco!

Tropfen im Wasser

Gut gestärkt ging es dann weiter. Wir erwischten noch ein paar echt lustige Fahrer (einer hatte so laut Musik an, dass wir uns nicht mehr unterhalten konnten; die Musik war zum Glück aber echt gut) und kamen gut und zügig im Lebensgarten an.

Dort brauchte ich erst mal wieder Ruhe. Die ständigen Ortswechsel verbunden mit neuen Leuten zerrt an meinen Energievorräten. Von daher war ich umso froher, im Lebensgarten bekannte Gesichter und Freunde zu sehen und auch eine Zeit lang für mich sein zu können.

Im Lebensgarten waren wir für einen Workshop zum Thema „Zukunftsfähiges Leben für Alle“. Ein Thema, das mich sehr interessiert. Was ist zukunftsfähiges Leben? Welche Aspekte spielen da mit rein? Wie können wir die Idee verbreiten?

Häufig denke ich, dass das Fragen sind, die uns eigentlich alle angehen und mit denen wir uns alle mehr beschäftigen sollten.

Ein Stück weit war ich auch froh, als ich am Montag nichts mehr machen musste und ein wenig Ruhe einkehrte. Ich blieb anschließend noch ein paar Tage im Lebensgarten, um dort Zeit mit netten Menschen zu verbringen, ehe ich erst mal zurück Richtung zu Hause fuhr.

Soweit mein erster Blogartikel für die ReiseUni. Ich hoffe, es war kurzweilig. Bei Fragen oder Anmerkungen, meldet Euch sehr gerne in den Kommentaren bei mir! 🙂