Hallo ihr Lieben!
Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich meinen Steckbrief hier veröffentlicht und seitdem ist viel passiert. Ich habe mein Bio- Studium abgeschlossen und meine geplante Reise nun endlich gestartet! Während dieser Reise möchte ich mir die Freiheit geben, meiner Neugier zu folgen und Neues kennenzulernen, besonders in den Bereichen Beziehung und Nachhaltigkeit – Wie können wir uns wieder unserer Natur bewusst werden und unsere Prioritäten so setzen, dass wir im Einklang mit unserer Mitwelt und den Lebewesen sind, anstatt sie ausnutzen und in selbstauferlegter Hektik und mit extrinsischer Motivation mehr oder weniger sinnvolle Leistungen zu erbringen? Wer es detaillierter wissen möchte, in meinem Steckbrief habe ich meine Motivationen genauer beschrieben .

Anfang diesen Jahres habe ich dann über einen Bekannten vom Hof Zahrte erfahren und das Konzept dieses Hofes, das den Wandel mitgestalten möchte, hat mich gleich angesprochen (https://www.hof-zahrte.de/). Nach der langen Zeit am Schreibtisch während der Bachelorarbeit wollte ich unbedingt ganz viel Zeit draußen verbringen, meinem Körper wieder näher kommen, mich in praktischen Dingen ausprobieren und mal in Gemeinschaftsleben hineinschnuppern. Das alles hat der Hof Zahrte vereint und somit stand meine erste Reise- Etappe fest, ich würde dort 3 ½ Wochen verbringen!

Nach einer sehr ereignisreichen Phase vor der Abfahrt bin ich dann vor 3 Wochen hier auf dem Hof angekommen. Schnell habe ich gemerkt, dass ich unterbewusst wohl ganz schön viele Erwartungen hatte, die nun mit der Realität zusammenprallten! Zum Beispiel habe ich wohl unterbewusst erwartet, dass alles unbeschwert und leicht verlaufen würde – weit gefehlt! Der äußere Rahmen und die Routine, die durch meine Arbeit am Institut für meine Bachelorarbeit vorgegeben war, war nun plötzlich nicht mehr da und die freie Zeit, die ich mir ja „gegönnt“ habe, um meiner Neugier freien Lauf zu lassen, fühlte sich plötzlich unglaublich lang und drückend an, wie sollte ich sie nur füllen? Ja man kann sagen ich merkte schnell, dass diese einjährige Reise eine sehr große Herausforderung wird.

Leben in der Gemeinschaft

In den ersten Tagen des Zusammenlebens mit den anderen Gemeinschaftsmitgliedern habe ich schnell gemerkt, dass das Thema Grenzen für mich hier ein zentrales Thema werden wird, und zwar in den verschiedensten Ausführungen: Wie weit gebe ich mich in die Gemeinschaftsraum hinein in Abgrenzung zu meinem persönlichen Raum? Durch welche neuen Herausforderungen kann ich Grenzen erspüren bzw. wo komme ich an meine Grenzen? Und natürlich auch sehr spannend: Wo kann ich Grenzen mal überschreiten und was passiert dann? Ein Beispiel ist folgendes: Ich in meinem Leben noch nie mit Spiritualität in Kontakt gekommen, ein Thema, dass hier fest in den Alltag integriert ist. Und so wurde über Energien im Raum gesprochen und ich konnte nicht greifen, was sie damit eigentlich genau meinen. Durch meine antrainierten Muster der Leistungsorientierung entstand dann bei mir schnell das Gefühl, dass ich es doch verstehen und mich schnellstmöglich integrieren muss, ein intensiver innerer Druck. Als Gast war ich am Anfang aber natürlich noch nicht integriert – ich war auf mich selbst zurückgeworfen und musste mich erst mit dieser Rolle auseinandersetzen. Nach und nach und mit viel Geduld habe ich aber besser verstanden, dass ich mich ja abgrenzen kann und dann nach und nach selbst entscheide, wann und wie ich mich öffne, eine sehr interessante Entdeckung, an der ich weiter forschen möchte.

Herausfordernd war für mich auch die Vielzahl an Rollen, die man in einer offenen Gemeinschaft, wie dieser hier, hat. Am Tag geht es um die zu erledigenden Aufgaben, dabei können aber schon auch mal tiefere Gespräche entstehen, und in festen Rahmen wie dem Deep Talk begegnen wir uns dann auf einer ganz anderen Ebene. Das ist verwirrend und interessant zugleich! Es hat mich unsicher gemacht in meiner Kommunikation und ich war mir oft nicht sicher, ob das was ich jetzt sagen wollte angemessen war und hatte Schwierigkeiten, Stille im Raum mit anderen Menschen auszuhalten. Aber anstatt mich davon ins Bockshorn jagen zu lassen (okay stimmt nicht, das ist schon auch teilweise vorgekommen 😉 ) habe ich versucht, mich jedes Mal bei aufkommender Unsicherheit mit Personen erst mal zu erden, meine Füße auf dem Boden zu spüren und meinen Körper, wie er jetzt präsent ist. Nach und nach habe ich gelernt, dass nicht immer Worte notwendig sind, man kann sich trotzdem andern Personen nahe fühlen und tiefere Gespräche entstehen sowieso nur dann, wenn es bei beiden stimmt, das passiert dann aber ganz von alleine.

Nicht nur die Kommunikation innerhalb der Gemeinschaft, auch das Kommunizieren mit den Daheimgebliebenen, meiner Familie und Freunden, ist anders seit ich unterwegs bin. Die Welt hier (oder der Spielplatz, wie wir es hier schon genannt haben 😀 ) ist ein komplett anderer, als der, den ich von Zuhause kenne. Gerade die Erfahrungen, die nicht rational, sondern körperlich oder spirituell sind, sind besonders schwer zu beschreiben und in Worte zu fassen. Schritt für Schritt versuche ich zu lernen, wie man die Kommunikation hier gestalten könnte. Vielleicht kann die Nähe ja auch mit wenigen Worten erhalten bleiben, auch wenn man eben nicht alles erzählen kann? Daran werde ich auf jeden Fall noch arbeiten und bin gespannt, was herauskommt.

Ein großes inneres Thema, das mich hier beschäftigt hat, fehlt noch: Die eigenen Bedürfnisse in der Gruppe zu kommunizieren. Die erste Herausforderung war erst mal, die eigenen Bedürfnisse überhaupt zu erkennen, z.B. das Ruhe- und Rückzugsbedürfnis. Die zweite Herausforderung war dann, in der Gruppe dafür einzustehen, dass man die Aufgabe x nicht übernehmen möchte, weil man ein eigenes Bedürfnis befriedigen muss/möchte. Mit der Zeit konnte ich aber immer besser herausarbeiten, welche Aufgaben getan werden müssen und welche mir Spaß machen und ein gutes Mittelmaß aus beiden finden. Dennoch kommt es immer wieder vor, dass ich ja sage, obwohl ich nein meine, aber dann heißt es ein geduldiges inneres Zuckerschneckchen zu haben und es beim nächsten Mal wieder zu versuchen. Eine große Herausforderung ist auch das Herausnehmen von Geld aus der Gemeinschaftskasse!

Insgesamt kann ich sagen, dass ich in den 3 Wochen in der Gemeinschaft echt erstaunlich viel mit mir selbst konfrontiert war und dadurch eine Menge lernen konnte und aber auch noch einiges zu lernen habe.

Viel Sicherheit und Freude hat mir ein morgendliches Ritual gegeben: Um 7:20 Uhr ging es jeden Tag nach draußen an einen nahegelegenen kleinen Fluss, dort haben wir die sog. Wim Hoff-Atmung gemacht, sind dann in den kalten Fluss gehüpft und haben anschließend noch Yoga gemacht. Es war interessant zu beobachten, wie mich jeden Tag andere Gedanken zum Fluss begleitet haben und auch mal die Hemmung vor dem kalten Wasser. Das Gefühl nach dem Herauskommen war allerdings immer super, man kann damit einfach gut in den Tag starten. Die Gemeinschaft hat auch ein abendliches Ritual mit einer Meditation, einer Dankesrunde, einer Visionsrunde, einer Selbstlieberunde und einem kreativen Teil. Man kann den andern nahe sein und über den Tag reflektieren, besonderen Spaß gemacht hat mir allerdings immer der kreative Teil .

Das habe ich auf dem Hof gemacht/gelernt

Abgesehen von den vielen inneren Prozessen, die durch die Wochen hier angestoßen wurden, habe ich auch im „Außen“ ganz viel Neues dazugelernt! Ein Lernfeld, mit dem ich gerne näher in Kontakt kommen wollte, war die Permakultur. Zwar kannte ich den Begriff schon vorher, aber er war nie wirklich greifbar für mich. Ich habe mir also ein Permakultur Basis-Buch zur Hand genommen und die generellen Prinzipien studiert, aber was noch wichtiger war: In dem kleinen, neu angelegten Garten auf dem Hof habe ich direkt mitgeholfen und habe mit Gawan Zwiebeln und Blumen gesät, umgegraben und ein kleines Gewächshaus für Tomaten gebaut. Der Garten wurde schon nach kurzer Zeit für mich ein Ort der Ruhe, in dem ich mich erden konnte und das Wühlen in nasser Erde hat mir total Spaß gemacht! Einen Hintergrundgedanken aus dem Buch fand ich besonders schön: Der Garten an sich und das Gärtnern ist etwas Universelles, dass uns alle Menschen verbindet. Wir alle brauchen die Nahrung, wir brauchen die Erde, sie ist um uns und in uns, wir sind alle eins. Der Kreislauf funktioniert aber nur, wenn wir auch etwas zurückgeben, wir können nicht immer nur nehmen.

Auch bei Reparaturarbeiten am Hof oder in der äußeren Anlage war ich gerne dabei und habe gemerkt, dass es mich reizt, Dinge, die ich noch nie gemacht habe, auszuprobieren und meinen alten Glaubenssatz „Ich bin praktisch nicht begabt“ einfach mal lässig hinter mich über Bord zu werfen! Ich habe Zaunpfosten in die Erde gebohrt, geschraubt, Büsche zurückgeschnitten, einen Beerengarten von einer Brennnessel-Invasion befreit und gemulcht. Dabei hat Fred immer alles erklärt und bei Fragen zur Seite gestanden, dafür danke ich ihm!

Zaun

Fred und Myriam haben auch Kühe und ich habe gelernt, was es alles zu beachten gibt bei einer Weidenkontrolle. Am leichtesten war es wohl, zu erkennen, wenn die Wiese abgefressen war, denn dann standen die Kühe am Zaun und haben ein ziemlich lautes Muh-Konzert gegeben ;). Alle weiblichen Kühe sind zurzeit trächtig und so kam es zu einem weiteren sehr bewegenden Erlebnis: Eine Kuh konnte ihr Kalb nicht gebären, da es zu groß war. Als wir an der Weide ankamen, lag die Kuh wohl schon mehrere Stunden und hat es ergebnislos versucht. Mithilfe des Tierarztes konnten das Kalb dann herausgeholt werden, doch es war zu spät für das Kleine, es war bereits tot. Jetzt, zwei Tage später beim Aufschreiben merke ich wie beim Gedanken daran die Trauer und ein leichtes Übelkeitsgefühl wieder aufkommen. Dieses tote Kalb zu sehen hat mich erst sehr traurig gemacht und alles andere war egal, zu diesem Zeitpunkt ging es für mich nur um dieses Leben, was jetzt nicht leben durfte. Später allerdings habe ich mich auf seltsamer Art und Weise verbunden gefühlt mit allen noch lebenden Wesen hier auf dem Hof. Der Vorfall hat mir wieder gezeigt, was für ein hohes Gut das blanke Leben und Überleben ist, dass einem jeden Tag geschenkt wird!

Ins Fühlen kommen

In der Zeit meines Studiums habe ich viel aus dem Kopf heraus gehandelt und meinen Verstand schon mal öfters über meine Gefühle gestellt. Wie kann ich wieder mehr zu meinem Körper finden? Eine Verbundenheit zur Natur spüre ich zwar, aber wie kann ich sie wirklich in mein Leben integrieren? Diesen Fragen wollte ich hier gerne nachgehen und habe deswegen angefangen, so oft es geht barfuß zu laufen und fast den ganzen Tag draußen zu sein. Außerdem habe ich, mit anderen Menschen und Pferden oder auch allein, öfters in der Reithalle getanzt und dabei ganz bewusst alle Körperempfindungen, die aufkamen, gespürt. Bevor es richtig mit dem Tanzen losging habe ich immer eine Zeit des aufmerksamen Gehens eingebaut, in der es um meine innere Haltung ging: Die Füße spüren und kraftvoll mit dem Becken nach vorne gehen, den Oberkörper aufrichten, Herz und Lunge lüften, den Kopf voller Stolz tragen! Am Anfang ging es für mich darum, die Hemmungen fallen zu lassen und wirklich mit der Musik zu gehen. Mit erstaunlichem Ergebnis, denn es kam oft eine so starke Bewegungsenergie und Bewegungsfreude auf, dass ich mich in diesen Momenten ganz kraftvoll und gleichzeitig leicht, und einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort gefühlt habe. Sind Pferde frei in der Halle beim Tanzen dabei und man kann sie mit der eigenen Bewegungsfreude anstecken, rennen und tanzen sie mit einem und man hat unglaublich viel Spaß zusammen! Ich kannte Pferde zwar aus früheren Reitstunden, aber hier habe ich sie nochmal von einer anderen Seite kennengelernt. Sie reagieren immer nur auf meine Körpersprache und meine innere Entschlossenheit, Fassaden sind ihnen egal. Wenn ich also ein Pferd zum schneller laufen bewegen möchte, dann brauche ich selbst die Bewegungsfreude und die Kraft der Begeisterungsfähigkeit in mir, um das Pferd damit anstecken zu können. Es ist innere Sicherheit gefragt, dass wir jetzt in diese Richtung gehen werden und die Konsequenz, dieses Vorhaben nun auch (liebevoll) durchzusetzen! Nach dieser Art von Arbeit mit den Pferden habe ich mich immer sehr stolz und kraftvoll gefühlt.

Pferd
Zum Glück ist die Zunge noch dran, sie lebt ja gefährlich 😉

Das ist mir bewusst geworden/ das nehme ich mit

Ich habe da eine ziemlich starke neugierige Quelle in mir, die gerne Neues kennenlernen und an Grenzen gehen möchte! Diese neugierige Seite ist auch eng verbunden mit meinem verspielten Teil, der gerne tobt, spielt, tanzt, singt und Spaß hat! Da ist eine Wildheit in mir, die gelebt werden möchte! Ich merke jetzt immer mehr, dass das Tanzen in seinen verschiedenen Formen einen noch festeren Platz in meinem Leben haben möchte, vielleicht ist es einfach mein Medium, um meine Lebensfreude ans Licht zu bringen.

Diese Seiten alleine könnten aber die Reise nicht stemmen, denn da sind ja auch Angst und Zweifel, denen ich am besten durch Struktur und Rituale begegnen kann. Ich habe gemerkt, dass ich meinen Tag gerne strukturiert weiß und dass das Morgen- und Abendritual, das wir hier praktiziert haben, sehr zu meinem Wohlbefinden beigetragen haben. Die Präsens der vielen Tiere, der Pferde, Hunden und Katzen hat mir Sicherheit gegeben und ich habe mich besonders mit Nietzsche, einem der Hunde, sehr wohl gefühlt, denn er gibt mir durch seinen begeistert-verspielten und treuen Blick immer wieder Kraft. Ich würde sogar sagen, ich habe mich verliebt in diesen haarigen Vierbeiner! Ich habe auch gelernt, dass es nicht nötig ist, zu jedem der hier lebenden Personen eine Beziehung aufzubauen, sondern ich kann einfach offen sein, für das, was sich ergibt und ansonsten bei mir wohnen, da kann man es sich ja auch gemütlich machen.

Ich danke allen hier Wohnenden und den Gästen für diese bereichernde Zeit hier! Beim Abschied gab es Tränen, aber ich habe im Gefühl, dass ich die lieben Menschen hier nicht zum letzten Mal gesehen habe und ich bin gespannt, was mich als nächstes erwartet.

Hund

Hier noch ein Foto meines lieben Freundes, dem es an Haarpracht nicht mangelt .