Der eigentliche Grund unseres Kassel Aufenthalts war nicht das Zelebrieren unseres Studentenlotterlebens, sondern der Besuch des Fachtags für Frei Schulen. Wir erhofften uns mit anderen Freilernen zu vernetzen und die ReiseUni vorstellen zu können.

Der Fachtag begann mit Kaffee und netten Gesprächen. Die Besucher waren, wie wir erwartet haben, sehr aufgeschlossene und freundliche Zeitgenossen, die allesamt ähnliche Vorstellungen, wie wir von Lernen haben.

Der Fachtag bestand aus einer Eröffnungsrede, dem Mittagessen, verschiedenen Workshops, einer Kaffeepause, weiteren Workshops und einer abschließenden Bewertung des Fachtages. Die Eröffnungsrede fiel leider flach, da die Referentin mit einer Lebensmittelvergiftung im Krankenhaus lag. Glücklicherweise gab es eine improvisierte Vorstellung der SFE Berlin, einer Schule für Erwachsene Schulabbrecher, die ihren Schulabschluss nachholen. Diese hat uns persönlich sehr angesprochen. Die SFE ist eine demokratische Schule, die komplett selbst organisiert ist, ohne Zensuren und ohne Anwesenheitspflicht arbeitet und ihre Lehrer selbst anstellt. Es gibt keine Schulleitung und Antisexismus, Antirassismus und Antifaschismus wird groß geschrieben. Die Truppe war uns sehr sympathisch: ein bunter Haufen selbstbewusster Menschen, die nach ähnlichen Prinzipien lernen, wie wir von der ReiseUni. Schon allein, um von dieser Schule zu erfahren, hat sich der Fachtag gelohnt.

Übrigens gibt es auch einen sehr interessanten, mehrfach ausgezeichneten Film über die SFE Berlin, mit dem Namen “berlin rebell highschool”.

Nach dem Mittagessen gings mit den Workshops los. Wir entschieden ist für “Jeder ist ein Maker- Konstruktionismus in der schulischen Praxis”, einer Inspiration für Lehrer von freien Schulen, wie sie Kinder an selbstständiges, technisches Werken heranführen können und damit ihr Erfindertum entdecken. Wir bauten den sogenannten Bibberich, ein kleines, motorbetriebenes Spielzeug, das, wenn man es einschaltete, wackelte.

In der zweiten Workshop Phase besuchte Valentin einen Vortag, der ein Streitgespräch über Soziokratie vs. Demokratie innerhalb einer Organisation beinhalten sollte. Jedoch beschlossen die Referenten kurzfristig, einen allgemeinen Vortrag über die Wesensart von Organisationen zu halten, da sie ein Verständnis dessen als Grundlage für eine Entscheidung zwischen Soziokratie und Demokratie als Strukturform einer Organisation halten. Der Vortrag war sehr umfangreich, diesen zusammenzufassen ist sehr schwierig, wird aber hier trotzdem kurz versucht:

Eine Organisation wurde als lebender Organismus beschrieben, der durch seine fest verankerten Grundsätze die richtungsweisende Struktur erhält, jedoch erst durch seine Mitglieder genauer definiert wird. Das Ziel einer Organisation sollte stets beweglich sein und an den Mitgliedern und Umständen angepasst werden, damit diese langfristig funktioniert. Desweiteren wurden noch Teamrollen und der Umgang mit der Rolle des Störers besprochen. Der Vortrag war sehr aufschlussreich und ließ sich nicht nur auf das Gruppengefüge Freie Schule, sondern auch auf andere Gruppen, wie auch die ReiseUni anwenden. Während des Vortrags dachte ich mir, das viele der Besprochenen Ideale bereits in der ReiseUni zu finden sind und war ein wenig stolz auf uns und unsere Gruppe.

Julia besuchte derweil den Workshop “Wenn SchülerInnen ihre eigene Schule gründen”. Vier Schüler und Schülerinnen stellten dabei das freie Lern Projekt “Methodos” aus Freiburg vor und erzählten über sich, das Projekt und ihren Lernalltag. Methodos ist eine Gruppe junger Menschen, die sich selbstständig über ein oder zwei Jahre auf das Abitur vorbereiten. Zu diesem Zweck treffen sich die Freilerner täglich um zusammen zu lernen und sich gegenseitig zu unterstützen. Für die unterschiedlichen Fächer haben sie verschiedene Lehrer selbst eingestellt, die die Abiturienten dabei unterstützen, in ihrem selbstständigen Lernen die richtigen Schwerpunkte zu setzen. Sie beantworten ungeklärte Fragen und stellen auf Wunsch Probeklausuren zusammen. Am Ende der Abiturvorbereitungen, muss jedes Methodos Mitglied, wie bei vielen anderen freien Lern Projekten auch, eine externe Abiturprüfung an einer staatlich anerkannten Schule ablegen um ihren Abschluss in den Händen zu halten. Der Vortag der vier jungen Freilerner war für mich sehr interessant und ich bewundere den Ehrgeiz und die Disziplin, den die jungen Menschen aufbringen, sich den Abiturstoff komplett frei und ohne Strukturen anzueignen.

Abschließend trafen wir uns alle zur Abschlussrunde. Das Interessante war, dass sie aus einer Bewertung des Fachtages durch eine externe Beobachterin bestand. Sie lobte das große Engagement aller Anwesenden und die Motivation, den Ehrgeiz und die Lebendigkeit Projekte in die Tat umzusetzen, um somit für eine Veränderung in der Bildungslandschaft zu sorgen. Gleichzeitig kritisierte sie den  zwanghaften Druck und den Stress, dem sie sich aussetzen, da er im Widerspruch mit den Grundsätzen von freien Schulen steht. Die Idee eine externe Bewertung des Fachtages heran zu ziehen fanden wir sehr gelungen und zeugt von Kritikfähigkeit und dem Wunsch nach stetiger Verbesserung.

Der Fachtag war uns beide ein voller Erfolg, wir hatten viele interessante Gespräche und haben spannende Menschen und ihre Projekte kennen gelernt. Teile des Bibberichs haben wir zu einem motorbetriebenen Musikinstrument umfunktioniert, schon alleine deswegen, hat sich der Fachtag gelohnt. Auch für die ReiseUni haben wir ein paar gute Kontakte geknüpft, wie zum Beispiel mit der SFE Berlin.

Wer wissen will, was wir sonst noch in Kassel erlebt haben kann sich unseren Artikel über unser Kassel-Abenteuer durchlesen: https://reiseuni.wordpress.com/2017/06/02/crazy-kassel/

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