Vorsicht: dieser Artikel beinhaltet keine Beschreibung eines Lernortes, sondern lediglich unser abenteuerliches Kassel Wochenende 🙂

Kassel. Klingt wie Kassler, irgendwie eklig. Wo liegt das überhaupt? Gibt es da überhaupt irgendwas Interessantes? Mit diesen Gedanken machten wir uns auf den Weg zu dem Fachtag für freie Schulen in die Mitte von Deutschland. Hessen war für uns beide bisher ein blinder Fleck auf der Karte und wir ahnten nicht, dass wir dort ein sehr aufregendes Wochenende verbringen würden.

Angekommen in Kassel  wir erstmal unsere erprobte Strategie an, um auf gleich gesinntes Pack zu treffen: Planlos durch die Gegend laufen und die ersten sympathischen Menschen fragen, was hier so abgeht und wo denn hier die Party ist. Der erste Eindruck von Kassel war: Kassel besteht fast nur aus Neubauten.

Nachdem wir Backlava bei einer türkischen Bäckerei gegessen haben, kamen wir an die Universität von Kassel und trafen mit unserer Fragerei direkt ins Schwarze, Studenten nahmen uns gleich in eine Unterführung am Holländischen Platz mit. Die Unterführung war komplett mit ausgefallenen Graffitis besprüht, auf dem Boden war gemütlicher, roter Teppich ausgerollt, auf dem Sofas und Bierbänke standen. Ein Gitarrist mit seinem Verstärker hatte sich dort platziert jamte und fröhlich vor sich hin. In einem kleinem Nebenraum gab es Bier für wenig Geld und eine winzige Galerie von dem urbane Experimente eV. namens „GaleRuE“, in der einer der Studenten, mit dem Künstlernamen Stupid Alex ausstellte. Dort angekommen, fühlten wir uns sofort heimisch und lernten schlagartig eine handvoll sehr sympathischer und interessanter Menschen kennen, die uns gleich sehr herzlich in Kassel willkommen hießen. Wir machten Brotzeit, tranken erstmal nach guter Studenten-Manier ein paar Bier und wurden mit den Kasselern sofort warm. Es trafen dort die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Von gebürtigen Kasselern über Kiez-Omas, hinzu Somaliern und Eriträern. Wir unterhielten uns mit allen gut und hatten viel Spaß. In diesen Gesprächen lernten wir viel über die Stadt:

Kassel versteht sich als Kulturelle Hochburg. Wie man vielleicht als kunstinteressierte Person weiß, findet hier alle fünf Jahre die documenta, eine riesige, 3 monatige Ausstellungsreihe für zeitgenössische Kunst statt. Seit 1955 gibt es dort Kunst aus allen Teilen der Erde zu sehen und wird als die wichtigste Ausstellung ihrer Art weltweit bezeichnet. Dieses Jahr ist wieder documenta Jahr und ab dem 10.6. Ist sie für 100 Tage zu bewundern. Doch nicht nur während der documenta ist in Kassel Kunst zu finden. Gefühlt jeder dritte Laden ist eine Kunstausstellung und auch die Universität ist für ihren Kunstzweig in der Szene sehr bekannt. Auch Graffiti ist in dieser Stadt sehr populär. Es gibt insgesamt fünf sogenannte Hall of Fames, also Orte an denen legal gesprayt werden darf und 13 sogenannte Murals, aufwendig designte Graffitis. Zwei Unterführungen sind in Kassel Zentren für Subkultur erklärt worden. Mit dem Projekt “Raum für urbane Experimente” wird Platz für Graffiti, Musik und Begegnung geschaffen. In der Unterführung am holländischen Platz, auch genannt HoPla findet jeden Donnerstag oben beschriebene Szenerie statt.

Als enttarnte Kunstbanausen bekamen wir einen Stadtplan, der besonderen Art in die Hand gedrückt. Die Karte “Welcome to Graffiti in Kassel” ist liebevoll illustriert und zeigt alle Murals, Hall of Fames, coole Kneipen und andere Hot Spots auf. Sie erwies uns in den nächsten Tagen gute Dienste. Spät abends drängte uns unser Pflichtbewusstsein,

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„welcome to Graffiti in Kassel“ Stadtplan

einen Schlafplatz zu suchen. Gemeinsam mit unserem neuen Freund Robert folgten wir dem fatalen Tipp unser Glück im Nordpark zu versuchen. Der Nordpark entpuppte sich lediglich als schmaler Grünstreifen um ein Bächlein und damit als völlig ungeeignet um dort die Nacht zu verbringen. Glücklicherweise wusste unsere Stadtkundige Begleitung Robert eine gute Alternative: einen verlassenen Schrebergarten, der jedoch weiter weg lag. Der Fußweg dorthin war mitten in der Nacht eine Odyssee.

Endlich angekommen, erwies sich der Garten als idealer Schlafplatz. Kurz vor dem schlafengehen gab es noch einen kleinen, intensiven cholerischen Aussetzer von seiten Valentin, da sein Handy, dass dringend zum Wecker stellen gebraucht wurde verschwunden war. Also starteten wir noch eine nächtliche Suchaktion und Robert, unser doppelter Held wurde schließlich fündig. So konnten wir endlich beruhigt einschlafen, um für den morgigen Fachtag für freie Schulen fit zu sein.

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„unser“ Schrebergarten
Der Fachtag ging den ganzen Tag von 8.00 Uhr morgens bis 17.00 Uhr Nachmittags, unsere genaueren Erfahrungen dazu haben wir in einem anderen Artikel festgehalten.

Nach dem Fachtag, gingen wir in eine gute Pizzeria, in der Nähe der Unterführung am Weinberg. Am Vorabend  wurde uns nämlich ein Konzert in eben dieser Unterführung nahe gelegt. Als wir ankamen, fanden wir eine typische crazy Kassel Situation vor: Ein Hornensemble, bestehend aus circa zwanzig rüstigen Rentnern in Tracht, mit den unterschiedlichsten Hörnern, vor einer 40 Meter langen Wand voller Graffiti, vor ihnen ein Publikum aus Punks, Sprayern, Hippies und Rentnern. Die Hornis waren von der Crowd durch eine befahrene Straße getrennt, der freie Blick und die Musik des Auftritts waren also hin und wieder durch vorbeifahrende Autos unterbrochen und ab und zu fuhr auch ein verdutzter Fahrradfahrer vorbei. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen spielte als letzter Act des Abends auch noch eine Punkband aus München, unserer Heimatstadt. Alles in allem war es ein herrlicher Abend, mit Musik, Bier, guten Gesprächen, mit neuen und bekannten Gesichtern. Wir versuchten den Abend im K19, einem Club ausklingen zu lassen, jedoch entpuppte sich die Party als ein Griff ins Klo, aufgrund schlechter Musik und komischen Menschen. Also zogen wir weiter in die Mutter, die uns wohl am öftesten empfohlene Bar. Dort tranken wir noch einen Absacker und gingen dann fröhlich in “unseren” Schrebergarten.

Wie es sich für gute Touristen ziemt, besuchten wir am nächsten morgen das Schloss Wilhelmshöhe und genossen dort unser Frühstück und den Blick über Kassel. Anschließend liefen wir ewig durch die Stadt, auf der verzweifelten Suche, nach einem Internetcafe, um, wie es sich für gute ReiseUni Studenten gehört, einen Blogbeitrag zu verfassen. Danach gingen wir, wer hätte es gedacht, wieder in den Untergrund. In der Unterführung am Weinberg waren wieder gute Konzerte. Von Improvisierter Musik hinzu einer Open Mic Session. Als nach einer Beschwerde, die Veranstaltung aufgelöst werden musste, zogen wir mit unserer guten Freundin Jana auf ein letztes Bier noch in eine Bar. Wir verabredeten uns am nächsten Morgen für ein Frühstück und wollten ein MiniCar, die günstigen Privat Taxis von Kassel in Richtung unseres Schlaf Domizils nehmen, da hielt ein Auto mit zwei netten Mädels an, die auf dem Weg zu einer Dub Party waren! Wir folgten dem Ruf von Crazy Kassel und stampften so noch ein paar Stunden fröhlich zu den Dubklängen.

Am nächsten Morgen trafen wir uns mit Jana in einer türkischen Bäckerei und hatten ein dekadentes, exotisches Frühstück mit schwarzer Tee Flatrate für unter 7 Euro pro Person. Währenddessen hatten wir einen guten Blick auf eine Razzia in der gegenüberliegenden Jägerstraße.

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türkische Bäckerei
Kassel ist nämlich nicht nur gut Kirschen essen. Es gibt eine offene Alkohol- und Heroinszene, anscheinend viel Straßenkriminalität, Trostlosigkeit und Frust. In der Jägerstraße zentrieren sich kriminelle Machenschaften und am Vortag unseres Brunches trug sich dort eine Messerstecherei zu. Wir haben, abgesehen von den Suchtkranken, von alldem nichts mitbekommen. Kassel wurde im zweiten Weltkrieg völlig zerbombt, da dort die Rüstungsindustrie war und immer noch ist, was der Grund für Kassels äußerliche Hässlichkeit ist. Auch hat Kassel einen sehr hohen Ausländeranteil, was wir persönlich als kulturelle Bereicherung wahrgenommen haben.

Nach unserer Stärkung und dem Polizei-Spektakel durchstöberten wir mit Jana bei strahlendem Sonnenschein einen Flohmarkt. Anschließend nahm sie uns auf einen Geburtstag von einer Freundin mit, der in einem

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der Flohmarkt
schönen Schrebergarten mit Slackline und Künstlerfreunden statt fand. Zum letzten Mal ließen wir den Abend zusammen mit Jana in einer kleinen Bar ausklingen und spazierten dann anschließend zu ihr nach Hause, um dort eine gemütliche Nacht, in einem richtigen Bett zu verbringen.

Unsere Abreise aus Kassel gestaltete sich ebenso abenteuerlich, wie das gesamte Wochenende. Jana fuhr uns netterweise auf eine Autobahnraststätte, von der wir dann Richtung Ingolstadt weiter trampen konnten. Doch auf der Fahrt dorthin sank die Tankanzeige immer weiter rapide gegen null und wir befanden uns mitten auf der Autobahn, ohne Pannenstreifen und bergauf. Glücklicherweise lief doch noch alles gut und wir rollten auf dem letzten Tropfen in die Tankstelle ein, an der wir uns dann auch herzlich von unserer lieb gewonnenen Freundin Jana verabschiedeten.

So endete unsere Crazy Kassel Erfahrung und wir haben noch längst nicht alles gesehen, was wir sehen wollten. Wir haben noch viele weitere Tipps für Unternehmungen in Kassel bekommen, wie das Soziokulturzentrum Werkstatt Kassel e.v., einem basisdemokratisch organisierten Freiraum, in dem alle Veranstaltungen kostenlos sind, das Zwischendeck, ein Cafe, in dem es jeden Sonntag um 11:30 Uhr kostenlos improvisierte Musik gibt, die Bar Frau Alles und das Kafè Desaster. Unser nächster Besuch in Kassel ist vorprogrammiert und wir können diese Stadt mit Charakter jedem ans Herz legen.

Danke an Jana, Robert, Max, Alex und all den anderen Menschen für unsere wunderbare Zeit in Kassel!

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