Lehm.
Ein sehr ursprünglicher Baustoff der uns – Valentin, Julia und Nils – vor allem wegen seiner vielen unschlagbaren folgenden Eigenschaften interessiert :):

– Aufgrund seines hohen Vorkommens fast überall in der Erdkruste ist Lehm sehr    kostengünstig und die Beschaffung spart lange Transportwege.
– Lehm ist diffusionsoffen, das heißt, bei hoher Luftfeuchtigkeit nimmt er sie auf, bei trockener Umgebungsluft gibt er sie wieder ab. Dadurch bleibt die Luftfeuchtigkeit im Raum konstant.
– Das daraus entstehende Raumklima verringert die Bildung von Feinstaub, verhindert die Austrocknung von Schleimhäuten und beugt zusätzlich auch noch Schimmel vor.
– Durch sein hohes Gewicht eignet sich Lehm zudem hervorragend als Wärmespeicher.
– Die Verarbeitung von Lehm benötigt außerdem nur einen Bruchteil der Energie, die zur Verarbeitung und Aufarbeitung  anderer Baustoffe nötig ist. Zum Beispiel verbraucht er nur ein Prozent der Energie, die zur Herstellung von Stahlbeton oder Mauerziegeln nötig ist!
– Lehm ist stets auch wiederverwendbar, der trockene Lehm muss einfach nur mit Wasser angereichert werden und schon kann man ihn wieder benutzen.

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Julia und Valentin am verputzen

Die erste Station unserer Studienreise haben wir, Valentin, Julia und Nils gemeinsam besucht. Über Kontakte von Nils in die Lehmbau-Szene wurden wir zu unserem persönlichen Lehmexperten Christoph Kuller vermittelt. Er arbeitet zurzeit bei Christiane Eckart und ihren zwei Söhnen August und Ferdinand auf einer Baustelle in Oberwartha bei Dresden. Die Familie kaufte vor knapp zwei Jahren ein Bauernhaus, vermutlich aus dem Jahre 1661 und saniert dieses seitdem von Grund auf. Durch den Anspruch, alles so ökologisch wie möglich zu gestalten, ist der Baustoff Lehm ein wichtiger Bestandteil des Projekts.

 

Der erste Eindruck

Wir wussten eigentlich gar nicht, was uns erwartet. Alle Informationen hatten wir aus einem kurzem Telefonat zwischen Nils und Christiane. Ganz gespannt und voller Vorfreude kamen wir Donnerstag Abend, den 6. April an und wurden herzlich von Christiane und Eckart begrüßt. Die Eigenbaustelle wirkte wie ein komplettes Chaos. Vor dem Haus türmten sich Bigpacks und Badewannen voller Lehm und anderer Baustoffe, überall lagen Bretter, Müll und Steine. Im ganzen Erdgeschoss waren weder Fußböden noch Türen und an den Wänden war lediglich ein grober, kantiger Lehmputz. Die Familie wohnt im ersten Stock, in einer provisorisch aus USD-Platten gezimmerten Wohnung. Wir verbrachten die erste Nacht im Erdgeschoss zwischen Lehmeimern, Werkzeugen und unter mit gelben Säcken abgeklebten Balken. Nachdem wir ein paar Lehmeimer und Werkzeuge beiseite geräumt und den groben Dreck weggefegt hatten, breiteten wir unser Nachtlager dann auf einem bequemen Teppich aus. Wir empfanden diese skurrile Situation aber als extrem lustig.
Pünktlich um halb acht wurden wir von einem der Bauleute geweckt, der seine Arbeit an unserer Schlafgelegenheit beginnen wollte. Der erste Tag begann mit einem leckerem Frühstück aus selbstgemachten Brot und Aufstrichen, Kaffee und Müsli zusammen mit der Familie und unserem neuem Cheffe Christoph.

 

Der Lehmbau

Von Christoph erfuhren wir, was es alles über Lehm zu lernen gibt und wo unsere Aufgaben für die nächsten drei Wochen liegen. Auf dieser Baustelle wird lediglich ein Lehmober- und Unterputz auf die Wände aufgetragen. Der von uns als kantig und grob wahrgenommene Putz auf den Wänden entpuppte sich jedoch als bereits fertiger Unterputz, das hieß also, unsere Tätigkeiten konzentrierten sich auf den Oberputz. Nach dem Abkleben fingen wir damit auch gleich an.

Wände und Decken verputzen ist eine Kunst für sich, hier eine kurze Anleitung :):

  1.     Den Unterputz für eine gute Haftung befeuchten
  2.     Lehm mit einer Glättkelle auftragen und möglichst gleichmäßig verteilen
  3.     Lehm mit einem Schmetterling abziehen und etwaige Unebenheiten ausgleichen.
  4.     Lehm bis zu einem gewissen Grad trocknen lassen
  5.     Den Lehm mit einem Plaste- oder Reibebrett glätten
  6.     Kanten und Ecken mit einem Pinsel und einer kleinen Spachtel ausbessern

Anfangs wirkte Christophs Arbeit wie Magie und wir sind bei dem Versuch, es ihm gleichzutun vollkommen verzweifelt. Der Lehm wollte unserem Willen nicht folgen, fiel von der Decke und blieb uneben und rau. Besonders das abschließende Verreiben des Lehms war eine Katastrophe. Wir rieben und rieben zu dritt an einem winzigen Stückchen Decke und es verschlimmerte sich immer mehr. Vollkommen demotiviert und an unseren Fähigkeiten zweifelnd, endete unser erster Arbeitstag.

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Lehmbaumeister Kulli (Christoph)

Doch – oh Wunder – mit der Zeit kamen wir mehr oder weniger hinter den Zauber des Lehmbändigens. Es wurde uns sogar schon am dritten Arbeitstag die alleinige Verantwortung für eine Wand inklusive Fensterlaibung von Christoph und dem neuen Lehmbauer Tammo übertragen. Wir rieben wie die Weltmeister und waren ganz stolz auf unser Ergebnis. Wenn wir jetzt die Laibung betrachten, war unser Erfolg eher dürftig. Es kommt eben nicht nur auf die Fähigkeiten an, Lehm zu verputzen, sondern genauso ein Auge für Unebenheiten zu entwickeln.

Nach ein paar Tagen zogen wir von der Baustelle in das ehemalige Zimmer von Frau Steglich, der verstorbenen Hausbesitzerin, ein. Auch bekamen wir auf der Baustelle maschinelle Hilfe. Der Putzmeister übernahm für uns das Anrühren und das Auftragen des Lehms an die Wände. Die Putzmaschine wurde von uns mit Lehm und Wasser befüllt. Hier lernten wir auch die unterschiedlichen Lehmsorten und Mischverhältnisse kennen.

Generell setzt sich Lehm aus den Bestandteilen Ton, Schluff und Sand zusammen. Unterputz ist ein eher magerer, sprich sandiger und dadurch grober Lehm. Durch den hohen Sandanteil wird der Lehm nicht so schnell rissig und kann dick aufgetragen werden. Oberputz ist ein fetter, also ton- und schluffhaltigerer Lehm. Dieser reißt leicht, kann dadurch nur zwei bis fünf Millimeter dick  aufgetragen werden. Die Sandkörner im Oberputz sind kleiner, das macht die Lehmstruktur feiner und gibt dadurch nach dem Verreiben ein glattes Bild. Des Weiteren gibt es Grubenlehm, ein ungefilterter Lehm, der Kiesel- und noch größere Steine enthält. Genau dieser Lehm landete eines Tages aus Versehen in der Putzmaschine. Die großen Steine rissen ein kleines Loch und mehre Beulen in die Rührschüssel. Glücklicherweise wertete der Baumaschinenverleih die Schäden als Verschleiß!

So vergingen die Wochen auf der Baustelle und das Erdgeschoss nahm immer mehr und mehr Gestalt an. Zu fünft schafften wir es, das komplette Erdgeschoss zu verputzen. Parallel wurde auch der Fußboden in zwei Räumen fertiggestellt und in dem verbliebenen angefangen. Wir haben hinterher echt das Gefühl,  etwas geschafft zu haben, das anfängliche Chaos im Erdgeschoss verwandelte sich immer mehr und mehr in eine gemütliche Wohnung.

 

Die Freizeitgestaltung

Unser Leben in Oberwartha bestand nur zum Teil aus Arbeiten. Auch in unserer Freizeit haben wir eine Menge erlebt. Generell verstanden wir uns mit Eckart, Christiane und den Kindern sehr gut. Wir wurden von Anfang an herzlich in die Familie aufgenommen, führten viele interessante Gespräche und unternahmen gemeinsame Freizeitaktivitäten. Im Wald bauten wir mit Ferdinand eine riesige Zentrifugabel*  aus Stöcken, wir wanderten alle zusammen in der wunderschönen Sächsischen Schweiz und suchten gemeinsam die Eier, die der Osterhase versteckt hatte. Wir planten und bauten einen Lehmofen und buken anschließend Pizza darin. Fast jeden Abend saßen wir bis spät in die Nacht ums Lagerfeuer. Am vorletzten Abend besuchten wir noch den Dresdner Lehmbau Stammtisch, der in einer Naturfarbenwerkstatt stattfand. Dort erfuhren wir viel über verschiedene Färbemittel, auch in Bezug auf Lehm und stellten eine Grundierung aus Quark und Natron her: die Kaseingrundierung.
Besonders Julia war von alldem total begeistert – es eröffnete sich ein völlig neues Feld für sie. Sie kann sich sehr gut vorstellen, noch tiefer in die Materie einzutauchen und weiterzuforschen. Vor allem die Technik des Tadelakt-Putzes* hat es ihr sehr angetan.

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Freizeitprojekt Lehmofen
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Fast fertiger Lehmofen mit Ferdinand

Unsere Selbsteinschätzung

Generell bewerten wir unsere Fähigkeit Oberputz aufzutragen nun als zufriedenstellend. 🙂 In drei Wochen haben wir ein Gefühl dafür entwickelt, wie man man mit den verschiedenen Werkzeugen wie Kelle, Schmetterling, Reibe- und Plastebrett umgeht. Wir haben auch ein generelles Gefühl für Lehm entwickelt. Im Umgang mit der Kartätsche (langes Metallbrett, zum großflächigen Abziehen von Lehm) und der Putzmaschine fühlen wir uns mangels Übung noch sehr unsicher. Auch den Moment abzupassen, wann der Lehm perfekt zum Verreiben ist, fällt uns noch schwer. Dazu muss man auf Erfahrungswerte zurückgreifen, die wir in den drei Wochen noch nicht erlangen konnten.  Lehmputz ist ein weites Feld, in drei Wochen alles zu lernen, was es zu lernen gibt, ist unmöglich, aber nach unserer Einschätzung haben wir uns ganz gut gemacht und planen, in den nächsten Monaten noch einige weitere Lehmbaustellen als Lernetappen zu besuchen.

 

Perönliches Resume

Nils: Ich kam mit dem Ziel nach Oberwartha, mehr über den Baustoff Lehm  zu lernen. Nach dem Monat dort kann ich sagen, dass ich viel über Lehm gelernt habe, aber auch in viele anderen Bereichen habe ich mich weiterentwickelt. Ich weiß nun, wie es auf einer Baustelle zugeht, wie Gemeinschaft sehr gut funktionieren kann und wie es ist, einen Lehmofen zu bauen. Besonders letzteres machte mir viel Freude, die Pizza aus dem selbstgebauten Lehmofen schmeckte vorzüglich.
Gelernt habe ich auch, wie anstrengend und schön zugleich körperliche Arbeit sein kann. Auch war es spannend, einen Einblick in den Bauprozess zu bekommen. Die Familie möchte möglichst viel selbstbestimmt und selber bauen, darum konnten sie uns viel aus erster Hand über die Baustelle und das Haus erzählen.
Alles in allem habe ich mich sehr wohl gefühlt in Oberwartha und um viele Erfahrungen reicher!

 

Valentin: Die Fähigkeiten, die ich erwartet habe, in diesen drei Wochen zu lernen, waren doch ganz andere. Ich hatte gehofft, etwas über das Bauen mit Lehm, wie z B. „mit Lehm mauern“ zu lernen.  Aus der Retrospektive war alles aber ein guter Einstieg in das Thema Lehm. Auch da die häufigste Verwendung von Lehm in Deutschland der Lehmputz ist, können mir die erworbenen Fähigkeiten in Zukunft nützlich sein. Es gibt (noch) keine Ausbildung zum Lehmbauer, es sind also eigentlich alle Menschen, die in diesem Bereich tätig sind, Quereinsteiger. Dies, plus der Fakt, dass Lehmputz immer mehr gefragt ist, sind gute Chancen für mich, in der Lehmbaubranche jobben zu können und mit ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen. Alles in allem war es eine sehr schöne Zeit.

Julia: Für mich war die Zeit auf der Baustelle eine sehr bereichernde Zeit. Zum einen natürlich, um den Baustoff Lehm kennenzulernen und mit ihm zu arbeiten. Davor habe ich mich mit diesem Thema kaum auseinandergesetzt und nun hat er mir eine völlig neue Welt eröffnet. So frustrierend die Arbeit teilweise für mich auch war, im Nachhinein, mit ein paar Tagen Abstand und den stetigen Fortschritten, die ja auch direkt sichtbar sind, wurde Lehm wirklich zu einem neuen Interessengebiet für mich. Ich kann mir gut vorstellen, weiterhin in dieser Branche zu arbeiten und mich fortzubilden, da es – wie Valentin schon erwähnte – eine ehrliche Weise ist, Geld zu verdienen. Zudem begeistern mich einfach diese ganzen Vorteile und Eigenschaften des Lehms und ich möchte ihn gerne aus der Vergessenheit herausholen. Außerdem hat sich mir zusätzlich noch die Welt der natürlichen Farben und Grundierungen geöffnet, die mich sehr begeistert und mein Interesse geweckt hat.
Auf der anderen Seite hat mir die Zeit auf der Baustelle an sich persönlich einiges aufgezeigt. Ich habe gemerkt, dass ich doch viel mehr in der Rolle als Frau gefangen bin, als mir jemals bewusst war. Diese Entdeckung ist unglaublich spannend und hilfreich für mich. Anfangs hatte ich oft den Gedankengang: “Ich kann das doch eh nicht, dass sollen die Jungs machen”. Diese Gedanken wurden mir nach und nach immer bewusster und ich habe ihn dann erfolgreich aus meinem Kopf gestrichen. Diesen inneren Prozess zu beobachten und anzustoßen ist eine große Erleichterung für mich. Ich kann somit viele „klein-machende“ Gedanken- und Verhaltensmuster nochmal von einer ganz anderen Perspektive beleuchten und viel besser damit umgehen – sie viel liebevoller und friedlicher in mir lösen. Das hat mich einen großen Schritt weitergebracht. Außerdem habe ich festgestellt, dass mir körperliche und handwerkliche Arbeit wirklich Spaß macht und gut tut. Ob das unbedingt mit Lehm sein muss, weiß ich jetzt noch nicht, aber ich möchte auf jeden Fall weiter in die praktische und handwerkliche Richtung gehen. Die Zeit hat mir also sowohl große Freude bereitet als auch persönlich ein ganzes Stückchen weitergebracht.

Wer Interesse hat, ebenfalls in Oberwartha mitanzupacken und den Baustellenalltag zu erleben, soll sich bei Christiane Kupfer unter 0179 5494 325 melden.

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