– von Andrea

Ich war aufgeregt und stolz.
Gerade noch in meine Aufgabe eines Workshops der Degrowth SummerSchool auf dem Klimacamp im Rheinland vertieft, erschien plötzlich das Anrufsignal einer fremden Nummer auf meinem Handy. Etwas angestrengt- ich telefoniere nicht gern – spulte ich meine gängige Begrüßung ab, als es von anderer Seite mit freundlich-entspannter Stimme hieß:

„Ja hallo, hier ist der Gerald.“

Ein paar Wochen zuvor hatten Johannes und ich uns mit der ReiseUni und unserem Studiengang auf Gerald Hüthers Website vorgestellt und um ein Gespräch gebeten, bis dahin jedoch noch keinerlei Rückmeldung erhalten. Mit einer so plötzlichen und persönlichen Meldung konfrontiert, musste ich mich nun zugegebenermaßen doch etwas zusammenreißen, um nicht ins Stottern zu geraten.
Doch schon in diesem recht kurzen Telefongespräch habe ich Herrn Hüthers zuvorkommendes Wesen erahnen können. Gerald Hüther schien ernsthaftes Interesse an einem Treffen mit uns zu haben und lud uns schon nach kurzer Abklärung passender Termine spontan für eine Nacht in die Gästewohnung seines Landguts bei Göttingen ein. Ich war glücklich und konnte es kaum erwarten, zusammen mit Johannes unsere ReiseUni-Fragen für diese Begegnung vorzubereiten.

Als es dann endlich soweit war, gab es kurz vor Ankunft an der verabredeten Autobahnraststätte noch einige organisatorische Details mit Gerald zu klären. Er wollte uns höchstpersönlich abholen, war jedoch leicht verspätet. In der Wartezeit simste ich auf die Schnelle noch freudig einer Freundin: „Gleich: Hüther!!!  :)“.
Nach ca. fünfzehn Minuten ohne jegliche Rückmeldung checkte ich nochmalig leicht verwundert die Korrespondenz auf meinem Handy und musste mit Schrecken feststellen, dass meine Freundin niemals meine Nachricht erhalten hatte. Sie war stattdessen tatsächlich an IHN gegangen!

– schon hier ging es also los mit der Authentizität! 😉
Ich war aufgeregt und etwas kindisch und das hatte nun nicht nur meine Reisebegleitung und Hamburger Freundin mitbekommen, sondern auch der Grund meiner Euphorie selbst.
Etwas beschämt schickte ich eine Erklärung hinterher und musste mich umso mehr angesichts der baldigen Begegnung zusammenreißen.
Gerade noch scherzten Johannes und ich über eine Auswahl an möglichen Luxusfahrzeugen, welche uns gleich entgegenfahren könnten, da erreichte uns eine weitere Sms Hüthers mit der Entschuldigung über weitere Verspätung und der Erwähnung eines grauen Mercedes, den es für uns bald zu erkennen gelte. Nun gut, immerhin war es für unseren ökologisch geschulten Blick kein neuestes Modell und ein gutes Fahrgefühl scheint ein solches Liebhabergefährt wohl zu liefern.

Auf dem Weg zum schönen, idyllischen Landgut wurde uns mein anfänglicher Eindruck des ersten Telefongesprächs bestätigt: Gerald Hüther scheint ein sehr freundlicher und für seinen Bekanntheitsgrad recht aufgeschlossener Mann zu sein, welcher sein fachliches Wissen besonnen und klar zum Ausdruck bringen kann. Wir konnten uns also mehr und mehr entspannen und auf einen Abend voller interessanter Fragen, Gespräche und hoffentlich sogar neuer, spannender Zukunftspläne freuen.
Als gefragte Stimme bei Film und Fernsehen ist es jedoch keine Seltenheit, dass der Terminkalender sehr voll gerät und so gaben wir einem noch ansässigen Filmteam aus Österreich sozusagen die Klinke in die Hand. Nach einer kurzen Zeit netten Beisammenseins und freundlicherweise sogar einem kleinen Fotoshooting mit Gerald für unseren Blog waren wir dann doch endlich allein mit dem Neurowissenschaftler und Bildungsexperten. Kurz stellten wir nochmals die Idee der ReiseUni und unseres Studienganges vor als es auch schon persönlicher zuging.
Mit Gerald Hüther wird es schnell klar, worum es ihm in der Begegnung mit Menschen geht: man will sich wirklich kennenlernen; mit allen Eigenarten, Motivationen, noch offenen Fragen und Zielen. Auch wir haben diesen Schwerpunkt bei vielen unserer Treffen gelegt und dementsprechende Fragen vorbereitet:

„Was treibt dich an?“

„Wie bist du zu dem gekommen was du jetzt machst?“

„Was sind deine grundlegenden Werte und wie setzt du sie um“?

Nach nicht allzu langer Zeit wurde nach unserem Gefühl eine Art Schwelle übertreten:
bei aller förmlichen Annäherung fühlten wir uns immer weniger wie einer von vielen anderen mehr oder weniger beruflichen Terminen. Man verstand sich ein wenig mehr, scherzte sogar und genoss das Beisammensein im Sonnenschein.
Am Abend sollte es inhaltlich dann auch gesellschaftspolitisch noch etwas konkreter zugehen. Nachdem wir mit von Hand geerntetem Gemüse des Gartenbeetes Herrn Hüther und seiner Frau ein Abendessen zaubern konnten, erhitzte sich eine kleine aber tiefblickende Diskussion rund um das Thema Verlust und Bedingung von kultureller Identität:

  • Herr Hüther betonte immer wieder die Wichtigkeit von regionalen und  nationalen Bräuchen und Werten und die Gefahr eines verwirrenden Nebeneinanders und oberflächlichen Vereinheitlichung alles tief verwurzelten Wissens älterer Generationen. Auch in Bezug auf die Ernsthaftigkeit heutiger politisch aktiver junger Leute werde dies deutlich.
  • Wir hingegen vertraten den letztendlichen Standpunkt, dass gerade durch den Aufprall verschiedener Wertesysteme eine Möglichkeit entstehen könne, dass gerade junge Leute ihren ganz eigenen Weg finden können. Der Mensch werde in den Vordergrund gerückt, keine Regionalität oder Nationalität.

Bei allen Unstimmigkeiten blieben beide Parteien jedoch angenehm sachlich und präzise, was zumindest von unserer Seite zu einer Bereicherung unseres Horizontes geführt hat, sodass viele Argumente dieses Gebietes neu bedacht werden konnten.

Ein mir einleuchtendes Anliegen Hüthers war es außerdem, dass heutige junge Leute allzu oft den geschichtlichen Rahmen ihrer Ideale und Ideen zu wenig beachten und es dementsprechend an Struktur und Fundament fehle. Man solle sich besser und grundlegender informieren und eben immer wieder auch von älteren und erfahreneren Generationen, auch Büchern, lernen.
Dies brachte wiederum ein wichtiges Anliegen unsererseits auf den Tisch: die von Hüther gegründete Akademie für Potentialentfaltung brauche mehr Vielfalt und Durchmischung an Herkunft, Alter und Geschlecht; die – nicht zuletzt finanziellen – Aufnahmebedingungen der Akademie würden dies jedoch erschweren.
Gerald gab hierbei zu, sich in dem heutigen Zeitgeist junger Leute noch nicht ganz heimisch zu fühlen, jedoch schon lange seine Zielgruppe diesbezüglich erweitern zu wollen. Es mangele ihm aber an ernsthaften Interessenten und einer Gruppe von Leuten, welche nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf persönlicher Ebene Austausch und Entwicklung suchten.

Die Idee einer „jungen Akademie für Potentialentfaltung“ war geboren.

Wir versicherten Gerald unsere große Motivation und Zuversicht, solcherlei junge Leute unserer Generation mit ihm vernetzen zu können, um Fähigkeiten auszutauschen und sich gegenseitig wirklich auf menschlicher und gemeinschaftlicher Ebene zu unterstützen. Hüther stellte uns außerdem seine Idee eines kostenfreien Mentorenprogramms für junge Leute vor, innerhalb dessen er mittels seines Bekanntheitsgrads und seiner Kontakte einige motivierte Experten verschiedener Bereiche aus Bildung, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft zusammentrommeln könne, welche jüngere Generationen auf ihrem Weg fördern und mit Rat und Tat zur Seite zu stehen könnten.
Ein vielversprechendes Gespräch, aus dem wir erfüllt von Zukunftsplänen und noch vielen offenen Fragen ins Bett gingen. Am nächsten Tag endete unser Treffen mit einem nicht minder persönlichen und auch inhaltlich anregenden Frühstück.

Insgesamt können wir wohl Beide unseren Aufenthalt bei Gerald Hüther als eines der Highlights unseres ersten Studiensemesters betrachten, welches uns viel Hoffnung und Anregungen gegeben hat.

  • Die Erkenntnis, dass Ehrlichkeit und Authentizität auch in Gesprächen mit gefragten und populären Persönlichkeiten nicht nur möglich, sondern überaus fruchtbar sein könen, stand hierbei für mich im Vordergrund.
  • Auch wurde mir dabei umso deutlicher, dass Respekt gegenüber älteren Generationen und ihrem Erfahrungsschatz  für einen umfassenden und fundierten Blick auf nahezu jedes Lerngebiet sehr wichtig ist.

Nicht zuletzt war es schon immer ein Ziel unseres Studienganges, in vielen Bereichen unserer Gesellschaft mehrere „Potential-entfaltende“ Gemeinschaften zu kreieren, welche „den ganzen Menschen mitnehmen“, einen transgenerationalen Dialog fördern und viele verschiedene Perspektiven, Charaktere und Lebenserfahrungen vereinen.
Dafür plädiert auch Gerald Hüther in nahezu jedem seiner vielen Vorträge und Bücher.

Vor ein paar Tagen öffnete ich also den Neujahres-Newsletter der Akademie für Potentialentfaltung und entdeckte bald das von uns besprochene Mentoring Programm mit verschiedenen Persönlichkeiten der Öffentlichkeit, welche sich kostenfrei als persönliche Begleiter anbieten.
Ein wenig war also auch die ReiseUni an einer breiteren Öffnung der Akademie beteiligt, was uns sehr freut und motiviert.
Doch nach unserer Überzeugung ist das Potential einer Akademie für Potentialentfaltung  noch lange nicht ausgeschöpft. In unserem Studiengang wollen wir studieren, sowohl auf menschlicher als auch auf beruflicher Ebene größer zu denken und sind gespannt was die Zukunft diesbezüglich noch bringt!

Advertisements